Konversionsstörungen Dissoziat ive Störungen der Bewegung und Sinnesempfindung
„Konversion“ bedeutet Umwandlung. In der Psychosomatik bedeutet „Konversion“ eine Umwandlung eines seelischen Konfliktes in ein körperliches Symptom, es handelt sich also um ein leib-seelisches Zusammenspiel: die seelischen Inhalte werden in der Konversion verdrängt, auf den Körper verschoben und mit Hilfe körperlicher Symptome gleichsam körpersprachlich zum Ausdruck gebracht. Der Begriff der Konversion wurde von Freud eingeführt, um seine Beobachtungen an seinen Patientinnen zu beschreiben. Bei den Konversionsstörungen werden Konflikte, Wünsche, Befürchtungen oder Phantasien symbolisiert in einer für den Patienten nicht mehr verständlichen Körpersprache. Deshalb werden Konversionsstörungen auch typische „Ausdruckskrankheiten“ genannt, zum Beispiel ließe sich bei der Armlähmung eines aggressiv gehemmten Patienten diese so formulieren „Ich will die Hand gegen niemanden erheben“. Die Umwandlung – Konversion – dieses Konflikts in eine Lähmung wäre dann die sekundäre Somatisierung. Häufigste funktionell körperliche Symptome bei Konversionsstörungen:
► Gehstörungen, Bewegungs- und
schlaffe Lähmungen der Gliedmaßen (häufig besteht Hinken) Für alle funktionell-körperlichen Symptome bei Konversionsstörungen gilt, dass die Pat. an sie häufig sehr gebunden, ja fixiert sind. Der Zusammenhang zwischen seelischem Erleben und körperlicher Symptomatik ist für die Betroffenen oft nur schwer zu erfassen. Was sind die Ursachen der Konversionsstörungen? Oft stecken lebensgeschichtliche Erfahrungen eines “Zuviel“ dahinter. Das kann eine ständig dramatische familiäre Atmosphäre, aber auch eine Familiensituation von „Goldenem Käfig“ sein, in der Schein und Prestige große Bedeutung haben, eine Oberflächlichkeit in der Zuwendung der Eltern, bei der nicht das Kind selbst wichtig ist, sondern, wie es ankommt. Belastend können auch überfordernde Rollen als „Prinz“ oder „Prinzessin“ sein, in die die Kinder von ihren im eigenen Leben oft unbefriedigten Eltern gedrängt werden. Ebenso eine aufgezwungene Rolle des Beraters, Vertrauten, ja Partnerersatzes, die gleichzeitig mit heimlichen Privilegien und Vorrechten ausgestattet ist. Diese Kinder haben es schwer, aus der verführerisch privilegierten Rolle zu ihrem eigenen Ich zu finden. Sie erwarten vielmehr auch später, dass ihnen alles in den Schoß fällt, dass ihnen Anerkennung zusteht und bewegen sich damit in einer Scheinwelt. Es können aber auch lebensgeschichtliche Erfahrung von zu früher und missbräuchlicher realer sexueller Erfahrung dahinter stehen. Das kann eine sexuell getönte, begehrliche familiäre Atmosphäre sein, auch eine zu frühe und zu direkte Aufklärung, verbunden mit einem für das Kind nicht verarbeitbaren Zuviel an Beobachtung ehelicher oder außerehelicher Aktivitäten der Eltern bis hin zu offenem Missbrauch ohne und mit Gewalt von Seiten der Erwachsenen. Wie häufig diese Erfahrungen bei Mädchen aber auch bei Jungen sind, zeigen die neuesten Zahlen zu Fällen sexueller Übergriffe im Kindes- und Jugendalter. Konversionsstörungen - Auslösende Situationen für Krisen Alle Situationen im Erwachsenenleben, die Festlegung, Verantwortung und Stabilität verlangen und die als unausweichliche Gefangenschaft empfunden werden, können für die Betroffenen zum Auslöser für seelische Krisen werden. Dies kann das Eingehen einer festen Bindung oder Eheschließung sein, in der Verbindlichkeit gefordert ist, die Geburt eines Kindes, die eine lebenslange Bindung und Verantwortung fordert, aber auch Verpflichtungen und Festlegungen in beruflicher Hinsicht. Aber auch unwiderrufliche Veränderungen, wie sie der Verlust der Jugend bedeuten mit der Unausweichlichkeit des Älterwerdens. Ebenso können Kränkungen oder Zurückweisungen Krisen auslösend wirken. Besonders berufliche Konflikte mit offenen oder verdeckten Rivalitätskämpfen, Zurückstufungen im Beruf oder der Verlust sozialen oder gesellschaftlichen Ansehens sind Krisenpunkte. Im erotisch-sexuellen Bereich können auslösende Situationen sowohl angstauslösende sexuelle Forderungen als auch eine ebenso verunsichernde Zurückweisung sein wie das Verlassenwerden durch einen Partner oder Untreue des Partners, ebenso das Erleben der nachlassenden sexuellen Attraktivität. Andererseits kann als Auslöser auch eine tiefe Verliebtheit genau so gefährlich sein wie eine bedrängende sexuelle Forderung als Verführungs- oder Vergewaltigungserlebnis. Diagnostik bei Konversionsstörungen Der Ausschluss einer möglichen körperlichen Krankheit, die diese Symptome der eventuellen Konversionsstörungen erklären könnte, ist immer Voraussetzung. Die Diagnose einer dissoziativen Störung setzt einen zeitlichen Zusammenhang mit einem unbewussten konflikthaften oder traumatisch erlebten Ereignis voraus. Konflikte, die als Auslöser bereitwillig berichtet werden, sind im Allgemeinen nicht krankheitsbedingend, jedenfalls nicht in der berichteten Bedeutung. Konversionsstörungen haben nichts gemein mit Simulation, die willkürlich erzeugt wird und den persönlichen Vorteil rasch erkennen lässt. Behandlung bei Konversionsstörungen Häufig ist – wenn die Symptomatik der Konversionsstörungen nicht zu schwerwiegend ist - eine ambulante Psychotherapie die Methode der Wahl. Der Patient mit Konversionsstörungen braucht eine therapeutische Begleitung, mit der er ein Beziehungsangebot erhält, das offen und klar ist, das Grenzen einhält, in der er Verständnis, emotionale Wärme und Einfühlung erfährt. Erst wenn eine ausreichende Vertrauensbasis in einer akzeptierenden und wohlwollenden Atmosphäre hergestellt ist, wird eine Entschlüsselung des symbolischen Konflikts möglich werden und der Zugang zu lange verschütteten, angst- und schambesetzten Gefühlen kann gelingen. Auf diesem Weg bedarf der Patient mit Konversionsstörungen oft einer langen Zeit der behutsamen Begleitung. Der Wunsch, möglichst schnell die eigene Gefühlswelt entwickeln zu wollen, ist verständlich, jedoch kann nur durch einen langwierigen inneren Prozess gebessert werden, was sich während der frühen Kindheit in eine falsche Richtung entwickelt und sich zudem ein halbes Leben lang verfestigt hat. Auch Kreativtherapien wie Gestaltungstherapie, Bewegungstherapie und Musiktherapie sind bei Konversionsstörungen sehr gut geeignet, den Zugang zu einer tieferen Gefühlswelt, die auch stark mit körperlichen Erfahrungen verwoben ist, zu finden. Sie tragen durch die verschiedenen Möglichkeiten des kreativen Ausdrucks zur Stabilisierung und dem Aufbau der Ich-Grenzen, der Überprüfung der Wahrnehmung der eigenen Umwelt und der Affektdifferenzierung bei. Wann ist bei Konversionsstörungen eine stationäre psychosomatische Behandlung angezeigt? Wenn die ambulanten therapeutischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind oder die Symptomatik der Konversionsstörungen sich in Krisensituationen zugespitzt hat, ist eine intensive Behandlung in einem Schutz- und Schonraum, die nur eine Klinik bieten kann, erforderlich. Der mit einer Klinikaufnahme verbundenen Herausnahme aus dem beruflichen und häuslichen Umfeld kommt eine besondere Bedeutung zu, da häufig die soziale Umgebung mit ihren Anforderungen sowie die Alltagsgewohnheiten eine starke Beteiligung an der Symptomatik haben. Die dadurch bewirkte momentane Entlastung schafft eine notwendige Distanz, aus der es meist leichter möglich ist, die eigene Lebenssituation zu reflektieren. Eine psychosomatische Fachklinik bietet darüber hinaus den Rahmen einer therapeutischen Gemeinschaft, in dem Begegnungen und Auseinandersetzungen erleichtert möglich sind. Ein vielfältiges Therapieprogramm sowie intensive ganzheitliche „körperliche“ Behandlungsansätze helfen, verschüttete Gesundheitsressourcen wieder freizulegen und die inneren Kraftquellen für einen gesünderen Neuanfang zu aktivieren. Stationäre Behandlung von Patienten mit Konversionsstörungen in der Abteilung Psychotherapie und Psychosomatik der Hardtwaldklinik I - Dependance In unserer ganzheitlichen psychosomatischen Behandlung arbeiten wir auf der Grundlage eines humanistischen Menschenbildes tiefenpsychologisch fundiert nach gestalttherapeutischem Ansatz. Wir bieten bei Konversionsstörungen eine Kombination von Gruppentherapien und Einzelgesprächen an in Verbindung mit körperorientierten Ansätzen wie Körperwahrnehmungs- und Entspannungsverfahren, kreativen Verfahren und medizinischen Anwendungen sowie klassischen Anwendungen von Badeabteilung, Physikalischer Therapie und Krankengymnastik. Eine gründliche Aufnahmeuntersuchung umfasst in der Psychosomatik neben der körperlichen Untersuchung auch eine ausführliche Erhebung der Lebensgeschichte des Patienten mit Konversionsstörungen, der aktuellen beruflichen und privaten Lebensumstände unter Berücksichtigung von belastenden Lebensereignissen und Konflikten. In einem weiteren Schritt geht es darum, den Stellenwert oder Symptomwert der Beschwerden im seelischen Gefüge der Betroffenen herauszuarbeiten und sie Ansätzen von gesunden und kraftvollen Seiten gegenüberzustellen. Behandlungsziel bei Konversionsstörungen ist die Erhöhung der Selbstakzeptanz durch eine bessere Einfühlung in sich selbst und in andere. Hierzu gehören die Wahrnehmung und Anerkennung der eigenen Gefühle und Bedürfnisse, sowie ein verbesserter Kontakt und Austausch mit anderen sowie ein insgesamt stabileres Selbstwertgefühl. Zur nachhaltigen Verbesserung des seelischen und körperlichen Wohlbefindens gehört auch die Wiedergewinnung eines ressourcen-orientierten Lebensstils. Folgende Therapieangebote stehen hierzu zur Verfügung: Medikamentöse Behandlung Bei schweren bzw. chronischen Körperbeschwerden ist eine medikamentöse Unterstützung, besonders zu Beginn der Behandlung oft sinnvoll, im Vordergrund steht jedoch das Erlernen und Einüben von alternativen Bewältigungsstrategien zur Besserung der Symptomatik. Einzeltherapie bei Konversionsstörungen Im Einzelgespräch geht es auf der Grundlage einer wertschätzenden Haltung um den Aufbau einer ausreichenden Vertrauensgrundlage, in der es dem Patienten möglich wird, die Botschaft der Symptomatik zu entschlüsseln und Zugang zu den eigenen Gefühle zu gewinnen, insbesondere auch traurige zuzulassen und nicht jeden Schmerz gleich wieder zu verdrängen. Im weiteren geht es für den Patienten darum, ideale Vorstellungen von sich und den Anderen zu überprüfen und relativieren zu lernen, um eine bessere Selbststeuerung und Selbstakzeptanz zu erlangen. Gruppentherapie bei Konversionsstörungen Sie stellt ein empathisches interaktionelles Gruppenfeld dar, in dem durch die Unterstützung der Mitpatientinnen und Mitpatienten Erfahrungen ausgetauscht und Problemfelder bzw. lebensgeschichtliche Bezüge bearbeitet werden können. Sie stellt einen Übungsrahmen zur Verfügung zur Verbesserung von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Kontaktfähigkeit sowie Nähe- und Distanzregulierung in Beziehung können übend vertieft werden. Therapeutische Gemeinschaft Der regelmäßige Austausch der Mitpatienten untereinander über die gemeinsame Gruppenarbeit hinaus stellt einen wesentlichen Eckpfeiler der stationären psychosomatisch-psychotherapeutischen Arbeit dar. Sie bietet auch das notwendige „Übungsfeld“ für das Erproben von neuen Verhaltensmustern, das in den therapeutischen Einzel- wie Gruppen-Sitzungen erneut reflektiert werden kann. Þ Verschiedene Schwerpunkte bei Konversionsstörungen nach Indikation: Traumatherapie - Gruppe Sie ist angezeigt, wenn es sich bei den Körpersymptomen und -beschwerden um dahinterliegende traumatische Erfahrungen handelt. Hier werden in einem strukturierten und achtsamen Rahmen imaginative Distanzierungstechniken von Stress erzeugenden Lebensereignissen geübt. Ein weiterer Schwerpunkt ist die „innere Kindarbeit“, das Erlernen von Selbstfürsorge und ausreichender Abgrenzungsfähigkeit. Männer- bzw. Frauengruppe Hier können spezifische Themen in gleichgeschlechtlichen Kleingruppen ausgetauscht und bearbeitet werden. Gruppe Arbeitsplatzkonflikte/Mobbing, Burnout Unser Gruppenkonzept kombinieren wir mit speziellen Angeboten wie Männergruppe, Frauengruppe sowie der Gruppe für Arbeitsplatzstörungen (Mobbing, Burnout u.a.). In diesen Indikationsgruppen werden spezifische Themen bearbeitet und Anregungen gegeben, wie mit dem bestimmten Symptomenkomplex gearbeitet werden kann. Zum Beispiel, wenn chronische Anspannung und Stress durch lang andauernde Berufskonflikte die vielfältigen Körpersymptome der Konversionsstörungen verstärken. Die Inhalte dieser Gruppen fließen wieder in den Gesamt-Therapieverlauf ein. Sozialberatung bei Konversionsstörungen (als flankierende Maßnahme) In Bezug auf weitere ambulante Behandlungsmöglichkeiten bzw. berufliche Rehabilitation ist bei Bedarf eine sozialmedizinische und sozialpädagogische Beratung möglich. Þ Kreativtherapie bei Konversionsstörungen: Kunst- und Gestaltungstherapie / Musiktherapie bei Konversionsstörungen Unterstützt und begleitet wird unsere Arbeit zur Förderung der Selbstwahrnehmung durch kreativtherapeutische Zugänge, durch kreative Medien, die anregen zu kreativem Schreiben, Malen und Körperausdruck. Sie tragen dazu bei, an bereits bekannte Ressourcen/Kraftquellen anzuknüpfen oder neue zu erschließen und führen dazu, Aktivitäten ganzkörperlich zu spüren. Körper- und Bewegungstherapie bei Konversionsstörungen Besonders in der Bewegungstherapie geht es darum, die Einheit von Körper- und Leib wieder herzustellen, wahrzunehmen, dass jedes Gefühl eine körperliche Entsprechung hat und körperliche Symptome auch symbolischer Ausdruck sein können für Wünsche, Befürchtungen und Phantasien. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Erschließung der eigenen Kraftquellen mit der Fähigkeit, seelische und körperliche Befindlichkeit in Einklang zu bringen und sich wieder wohlfühlen zu lernen im eigenen Körper. Körpertherapie bei Konversionsstörungen mit Qigong, Feldenkrais, Tai Chi Þ Entspannungsverfahren bei Konversionsstörungen: Progressive Muskelrelaxation (PMR) Sie unterstützt die körpertherapeutischen Verfahren. Durch bewusstes muskuläres Anspannen und Loslassen kann eine verbesserte Körperwahrnehmung sowie Reduktion von seelischer und körperlicher Anspannung erreicht werden. Dieses Verfahren wird im Liegen und im Sitzen angeboten. Yoga und Meditation erleichtern durch den Wechsel von Zentrierung, bewusster Körperhaltung und „Loslassen“ die gerichtete Wahrnehmung der körperlichen und seelischen Vorgänge und dient darüber hinaus der Entspannung. Þ Sport und Physikalische Therapie bei Konversionsstörungen Physikalische Therapie wie Massagen, Kneipp’sche Anwendungen und Sauna Sport Ein weiterer wichtiger Behandlungsansatz ist die körperliche Stärkung und Aktivierung, die maßgeblich beiträgt zu Lebendigkeit und Wohlgefühl. In unserer Abteilung stehen verschiedene sportliche Angebote zur Verfügung, um ein moderates Ausdauertraining zu gewährleisten.
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