Gleichgewichtsstörungen


Gleichgewichtsstörungen und Sch windel gehören neben Kopf- und Rückenschmerzen zu den häufigsten Beschwerden, die Patienten zum Arzt führen. Bei Patienten über 75 Jahren ist es sogar häufigstes Symptom. Dabei wird der Begriff für eine Vielzahl unterschiedlicher Wahrnehmungen bei den Gleichgewichtsstörungen verwendet: 

  • ·      Dreh-, Lift- oder Schwankschwindel

  • ·      Standunsicherheit und/oder Gangunsicherheit

  • ·      Desorientierung

  • ·      Schwäche und Kraftlosigkeit

  • ·      Verschwommen-Sehen

  • ·      „Sternchen-Sehen“ und Schwarzwerden vor den Augen.

Ursachen von Gleichgewichtsstörungen 

Zur Ursachenfindung und diagnostischen Einordnung ist zunächst eine präzise Beschreibung der unter dem Wort Gleichgewichtsstörungen erlebten Phänomene erforderlich: die Art der Gleichgewichtsstörungen, also beispielsweise Drehschwindel ähnlich „Karussellfahren“ oder Schwankschwindel mit einer Wahrnehmung wie „Bootfahren“ oder Schwarzwerden vor den Augen. Ferner die Dauer der Gleichgewichtsstörungen, also „anfallsartig“ oder „dauerhaft“ bestehend. Im Falle von Schwindelattacken kommt den auslösenden bzw. verstärkenden Situationen Bedeutung zu, wie bestimmte Kopfhaltungen, bestimmte Bewegungen, bestimmte äußere Situationen oder innere Gefühle und der Dauer der Schwindelattacken. 

Aufgrund dieser Schilderungen kann eine grobe Einteilung in drei verschiedene mögliche Entstehungsorte der Gleichgewichtsstörungen erfolgen: 

1.  Entstehung der Gleichgewichtsstörungen im Gleichgewichtsorgan (Labyrinth) oder Gleichgewichtsnerven (N. vestibularis):

     Weil hier der Sch windel am weitesten weg vom Gehirn entstehen, werden die hier eingeordneten Gleichgewichtsstörungen als peripher-vestibulär bezeichnet. Typischerweise wird der Sch windel hier klar beschreibbar erlebt und entweder als Dreh-, Lift- oder Schwankschwindel wahrgenommen. Begleitend finden sich häufiger starke Übelkeit, zum Teil mit Erbrechen, Blässe und kalter Schweiß während der Gleichgewichtsstörungen. Wegen der Nähe des Gleichgewichtsorgans zum Innenohr treten in einigen Fällen auch gleichzeitig zum Sch windel Hörprobleme (Ohrensausen oder Schwerhörigkeit) auf. Bei der häufigsten Form, dem sog. gutartigen anfallsweisen Lagerungsschwindel treten nach einer bestimmten Kopfhaltung ca. 20-30 Sekunden anhaltende Drehschwindelattacken auf. Bei einer Entzündung oder einem Ausfall des Gleichgewichtsnerven kommt es zu langsamer einsetzendem und wenige Tage anhaltendem Dauerdrehschwindel. Beim Morbus Menière kommt es als Folge kleiner Risse in der häutigen Wand des Gleichgewichtsorgans zu plötzlich über Minuten bis Stunden anhaltendem Drehschwindel, der meist mit Tinnitus und Druckgefühl auf dem betroffenen Ohr verbunden ist.

2.  Entstehung der Gleichgewichtsstörungen an bestimmten Orten im Gehirn:

     Bei den hier vorliegenden sog. zentral bedingten Gleichgewichtsstörungen werden die Beschwerden viel ungenauer wahrgenommen und beschrieben. Die Patientin sprechen häufig von Benommenheit, Taumeligkeit, Flimmern von den Augen, Schwarzwerden vor den Augen, Schweben im Raum oder ganz allgemein einem Gefühl der Desorientierung und Unsicherheit. Ursachen können verschiedene internistische oder neurologische Erkrankungen sein, inkl. Durchblutungsstörungen und Multiple Sklerose. Bei der basilären Migräne wird der Sch windel als Minuten bis Stunden anhaltender Dreh- oder Schwankschwindel wahrgenommen, der in der Regel (aber nicht zwingend!) in einen Kopfschmerz übergeht.  

3.    Psychisch bedingte Gleichgewichtsstörungen:

     Alle Manifestationen von Gleichgewichtsstörungen können auch vorwiegend psychisch verursacht sein. Ein Kennzeichen ist das Auftreten der Gleichgewichtsstörungen typischerweise in Zusammenhang mit - häufig nicht wahrgenommener - emotionaler Anspannung oder Angst. Auch wenn einem alles zuviel wird, kann einem schwindelig werden. Häufig wechselt hier die Art, Schwere und Dauer des Sch windels, vielfach sind diese Gleichgewichtsstörungen auch schwer zu beschreiben. Beim sog. phobischen Schwankschwindel berichten die Patienten von auftretenden Gefühlen von Stand- und Gangunsicherheit, wenn sie sich in bestimmten Situationen z. B. in einer Warteschlange im Kaufhaus, auf der Rolltreppe oder beim Überqueren von Brücken befinden. In der Regel meiden die betroffenen Personen dann die Orte, wo die genannten Gleichgewichtsstörungen auftreten. Auch ein unabhängig von äußeren Situationen auftretender attackenartiger Drehschwindel kann seelisch bedingt sein und deutet häufig auf starke innere Anspannung im Rahmen von belastenden Lebensereignissen oder chronischer Überforderung hin.  

Bei jedem Patienten mit Gleichgewichtsstörungen muss im Anschluss an die sorgfältige Aufnahme der Beschwerden eine HNO-ärztliche, internistische und/oder neurologische Untersuchung erfolgen. Wenn darin organische Erkrankungen als Ursache der Gleichgewichtsstörungen ausgeschlossen werden, ist es sinnvoll, sich an einen psychosomatisch erfahrenen Arzt oder Therapeuten zu wenden. In ausgeprägten Fällen kann auch eine stationäre psychosomatische Behandlung angezeigt sein. Aber auch bei organisch begründbaren Gleichgewichtsstörungen kann eine psychotherapeutische Begleitung zur Krankheitsbewältigung hilfreich sein. So hat man z. B. herausgefunden, dass Patienten mit Morbus Menière in ihrem Verhalten durch starken Perfektionismus mit Tendenz zur ständigen Überforderung ihrer selbst geprägt sind. Hier kann durch eine sorgfältige Analyse der Sch windel auslösenden Situationen und eine Verbesserung der Abgrenzungsfähigkeit und der Selbstfürsorge eine Linderung der Auftretenshäufigkeit der Gleichgewichtsstörungen erreicht werden. 

Therapie der Gleichgewichtsstörungen:  

Abhängig von den zahlreichen möglichen Ursachen ist die geeignete Therapie der vorliegenden Gleichgewichtsstörungen natürlich sehr unterschiedlich. In einigen Fällen kann man mit Medikamenten eine Besserung erzielen, beim benignen paroxysmalen Lagerungsschwindel sind einfache Lagerungsübungen die Methode der Wahl und bei wieder anderen Gleichgewichtsstörungen wird die Behandlung der Grundkrankheit, z. B. Durchblutungsstörungen oder Multiple Sklerose, im Vordergrund stehen.  

Beim phobischen Schwankschwindel geht es zum einen darum, dem Patienten in einem entlastenden Gespräch die Angst vor einer organischen Erkrankung zu nehmen, ihm anschaulich zu vermitteln, dass sein Erleben ein körperlicher Ausdruck von Angst ist und dann mit ihm ein Programm zu entwickeln, die den Sch windel auslösenden Situationen nicht zu meiden, sondern aktiv in kleinen Schritten zunehmend aufzusuchen und zu bestehen. Unterstützt werden kann eine solche vorwiegend verhaltenstherapeutisch ausgerichtete Behandlung durch ein beruhigendes und stabilisierendes Psychopharmakon, z. B. Imipramin. 

Bei attackenartig auftretendem oder sich verstärkenden Gleichgewichtsstörungen, für den ärztlicherseits keine organische Grundlage gefunden werden konnte, gleichzeitig die auslösenden Situationen oder Gefühle noch weitgehend unklar sind, ist u. U. eine umfassende psychotherapeutische Behandlung angezeigt. Um hier einen Zugang zur Sprache des Körpers zu bekommen, zu dem, was „der Sch windel" den betroffenen Menschen eigentlich mitteilen möchte, sind unserer Erfahrung nach simple Deutungen wie „Na, was schwindeln Sie schon wieder?“ wenig hilfreich, da dies eher Kränkung als motivierte Mitarbeit hervorruft.  

Stationäre psychosomatische Behandlung   

In der Abteilung für Psychosomatik und Psychotherapie der Hardtwaldklinik I legen wir im Rahmen einer intensiven Behandlung derartiger Gleichgewichtsstörungen den Schwerpunkt auf die fortgesetzte Übung der Wahrnehmung der eigenen Körperempfindungen, Gefühle, Bedürfnisse und Grenzen, z. B. durch die Arbeit mit Selbstbeobachtungsbögen, aber auch durch Beobachtungen und Rückmeldungen der behandelnden Therapeuten und die aufmerksamen Augen der Mitpatienten im Rahmen einer Gruppentherapie. Durch stetige Verfeinerung der gemachten Beobachtungen und Wahrnehmungen ist es häufig möglich, Zusammenhänge der auftretenden Gleichgewichtsstörungen mit bestimmten, von der jeweiligen Person möglicherweise durch eigenes Verhalten mit ausgelösten oder aufrechterhaltenen Situationen zu finden. So könnte  z. B. im Laufe einer stationären Behandlung deutlich werden, dass aus der anfänglich gemachten Beobachtung von „Stress“ als Auslöser der Gleichgewichtsstörungen in einer stetig weiteren Verfeinerung bald „selbstgemachter innerer Stress durch Nicht-Nein-Sagen-Können“ entsteht. Dann ist es möglich, Neinsagen und Abgrenzen in therapeutischen Einzel- und Gruppenkontakten zu üben, um den selbstgemachten inneren Stress zu reduzieren und damit sich selbst zu zeigen, dass man die Botschaft des eigenen Körpers verstanden hat.  

Das Entziffern der Sprache des Körpers als eines im Prinzip „wohlmeinenden Freundes“, der einem helfen will, ein besseres und selbstbestimmteres Leben zu führen, kann unserer Erfahrung nach am allerbesten durch fortgesetztes Wahrnehmen und Spüren im Kontakt mit sich selbst und anderen erfolgen. Die in unserer Abteilung angewandte Gestalttherapie mit ihrem Schwerpunkt auf Erleben und Wahrnehmen eignet sich hierzu in besonderem Maße. Hat man einmal die Zusammenhänge selber erkannt, ist es vielfach auch möglich zu sehen, wo man tatsächlich ein bisschen geschwindelt hat: So hat man sich vielleicht tatsächlich breit schlagen lassen, eine Bitte zu erfüllen oder zu einem Ausflug mitzukommen, obwohl die innere Wahrheit gelautet hätte: „Tut mir leid, mir wird das gerade zuviel, ich möchte lieber mal alleine für mich sein.“ Je mehr man lernt, auf sich zu hören und zu seinen eigenen Bedürfnissen zu stehen, um so weniger wird einen der Schwindel zu einem (zu) späten Nein zwingen müssen. 

H. Kappe
ärztlicher Psychotherapeut
Abt. Psychotherapie und Psychosomatik
 

Animationen animierte Augen

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Aktualisiert: Juni 2010

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